Entrepreneurial Year

Pro & Contra

entrepreneurial-year_pro-contra“Das ist ein klasse Investorenangebot”, “Bootstrap like crazy!”, “Konzentriert Euch auf ein Projekt”, “Warum versucht ihr nicht mal komplett was Anderes?” – Wir sind soeben zurück von einer aufregenden, faszinierenden und lehrreichen Woche in Berlin, haben uns mit zahlreichen Startups, Leuten aus der Szene, Freunden und Bekannten getroffen und vor allem Eines eines gemacht: Geredet. Und das ist gut so.

Gespräche mit (neuen) Bekanntschaften, Freunden, Kollegen, der Familie oder Mentoren formen unsere Gedanken, öffnen oder verengen unseren Fokus und haben einen relativ direkten Einfluss auf unser Denken, Entscheiden und Handeln. Es ist wichtig (aus einer “Macht-Perspektive” argumentiert vielleicht auch etwas gefährlich), dass man sich regelmäßig mit einem diversen Umfeld austauscht, erzählt, Feedbacks, Inspirationen und Meinungen einholt, oder neudeutsch sich „challengen“ lässt. So wertvoll viele Inputs und Ideen auf den ersten Blick auch erscheinen, man merkt schnell, dass Ratschläge oft widersprüchlich sind und man zeitweise gar nicht mehr weiß, was nun wirklich wichtig geschweige denn richtig ist – Frei nach dem Motto “Frage zwei Personen und Du erhältst drei Meinungen”.

Freilich kann man aber erst nach längerer produktiver Trial-and-Error-Zeit (teilweise überrascht) feststellen, dass nicht alles funktioniert(e), was in Gesprächen als “der richtige Weg” propagiert wurde. “Ich kenne da jemanden, der hat das so und so gemacht”, “Bei denen hat’s funktioniert, weil…”, “Unsere best practice geht wie folgt…” und so weiter. Es sind viele Geschichten, die wir in den letzten Wochen und Monaten gehört haben, ja, die wir uns sogar selbst erzählen, an die wir glauben und auf deren Basis wir entscheiden. So konstruieren wir aus der wahrgenommenen Realität die echte Realität. Perception is reality – da ist was dran.

Das Ganze entsteht durch bewusste und unbewusste Abwägung verschiedener Argumente. Wir spiegeln jeden Ratschlag, jede Geschichte an unseren eigenen Erfahrungen, Erkenntnissen, aber auch Wünschen und Werten. Dabei wägen wir Pro und Contra ab, versuchen uns zu positionieren und so eine Entscheidung herbeizuführen, die sich gut anfühlt und hinter der man stehen kann. Anschliessend geht’s ans Überzeugen, und das klingt ungefähr so: “Das müssen wir machen, das wird gross!”, “Lass uns unbedingt dahin fahren, das lohnt sich!” “Wie geil, let’s do this!” – Nur stellen wir oftmals fest, dass der Andere die Begeisterung nicht auf Anhieb teilt. Enttäuschung. Wieso denn? Hat er’s nicht kapiert?

Darum geht’s gar nicht. Es hat vielmehr damit zu tun, dass der vorher interne Konflikt zwischen Für und Wider nun extern, d.h. zwischen den Diskussionspartnern, ausgetragen wird. Mein Gegenüber kann (will) meine Meinung ohne Kritik nicht einfach übernehmen und akzeptieren, weil er sonst sein Abwägen und Beurteilen überspringen würde. Er ist im Entscheidungsprozess noch nicht so weit und will die Diskussion führen, um seine Position zu finden. So stellen wir bei uns selbst fest, dass wir in Gesprächen klare Pro- und Contra-Rollen beziehen. Wenn ich Andreas mit einer neuen Idee bombardiere und versuche ihn mit meiner Begeisterung anzustecken, zwinge ich ihn damit fast in eine kritische Oppositionshaltung. Und das womöglich gegen seinen Willen. Das Phänomen ist faszinierend, weil es nicht nur zwischen uns zweien, sondern auch mit der Freundin, dem Ex-Boss oder der Greenpeace-Aktivistin am St.Galler Bahnhof auftritt. Man versucht jemanden von etwas zu überzeugen, scheint ihn damit aber fast in eine Contra-Ecke zu bugsieren. Und das ist gut so. Warum? Weil die Pro- und Contra-Diskussion der Überprüfung der Werthaltigkeit der Diskussionspunkte dient. Und darum geht es.

Kritische Inputs, egal ob vom Chef, der Freundin oder vom Kumpel sollen also nicht zuletzt auch aus der Brille “Mit meiner Haltung setze ich dem Gegenüber fast zwingend einen Contra-Hut auf” gesehen und nicht als persönliche Kritik verstanden werden. Aber zugegebenermaßen, der Gedanke “Man, is he against me? Why doesn’t he get it?” liegt leider oftmals näher als sich einzugestehen, dass mein Gegenüber nicht primär gegen meine Idee ist, nur weil er (noch) nicht auf meinen Begeisterungs-Zug aufspringt. Vielmehr ist dieses natürliche Oppositionsverhalten dem großen Ganzen dienlich, weil die Sache kritisch hinterfragt und evaluiert wird. Interessanterweise kann man dieses Phänomen aber auch umkehren. Starte doch das Gespräch über einen strittiges Thema das nächste Mal mit allen Dir bekannten negativen Argumenten. Wetten, dass Dein Diskussionspartner sofort auf “Pro” wechselt und positive Aspekte hervorheben wird?

1 Kommentar
  1. Melanie says: November 26, 201317:54

    Hat einige Aha-Momente und Erinnerungen beim Lesen ausgelöst. Super Reflektion! :)

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