Entrepreneurial Year

Zu Besuch bei Beate

entrepreneurial-year_zubesuchIm Grunde genommen sind wir Grünschnäbel. Neugierig, aufgeweckt und mit einer guten Prise Naivität. Keine Ahnung, aber einfach mal probieren. Warum auch nicht? Schließlich geht Probieren über Studieren. Warum also nicht einfach mal machen? Einfach mal ne Mail schreiben oder anrufen. Mal kommt’s gut, mal weniger. Aber in jedem Fall lernt man was. Und in diesem Fall war’s sogar beides. Gut und lehrreich. Es folgen Gedanken und Erfahrungen aus einer Woche Praktikum im Sex Shop.

Seit Monaten beschäftigen wir uns mit Liebesspielzeug, sind wissensbegierig, haben viel studiert und auch das eine oder andere ausprobiert. Nur können wir die Frage der exakten Kundengruppe(n) immer noch nicht wirklich trennscharf beantworten und sind bei gewissen Artikeln auch noch nicht 100% sattelfest. Wieso also nicht mal als Grünschnabel bei den Experten vorbeischauen und direkt von den Profis lernen? Gesagt, getan. Nach drei Emails und einem persönlichen Gespräch war der Deal perfekt. Mehr Produkt- und Kundenwissen für mich und eine Vielzahl nicht-betriebsblinder Beobachtungen und innovative Ideen und Gedanken, für den Store – ein fast klassisches Design Thinking Projekt.

Und so habe ich vergangene Woche freiwillig und unbezahlt als Praktikant bei einem großen deutschen Erotikhändler aus Flensburg in Frankfurt gearbeitet. Während fünf Tagen stand ich hinter der Kasse, habe das Sortiment kennengelernt, Vibratoren und DVDs bepreist, Dessous aus und wieder eingepackt, entsichert und in die entsprechenden Regale gehängt. Ich wurde von Kunden nach Rat gefragt, habe viel gelesen und vor allem einfach mal zugehört. Dem Chef, den Mitarbeitenden und vor allem den Kunden – immer mit einem wachen Auge, offenen Ohren und einem zunehmend besseren Gefühl für Produkte und Menschen. Klingt spannend? War es auch. Nicht selten aber auch etwas befremdlich und teilweise abschreckend. Es gibt tatsächlich Dinge in dieser Branche, die nach wie vor fernab meines Geschmack- und Wertesystems liegen und – nicht überraschend – zum negativ geprägten Image dieser Branche beitragen.

Dabei geht es wahrscheinlich um das Natürlichste. Wir alle tun es, aber kaum jemand spricht darüber. Sex ist delikat, intim, persönlich und privat, so scheint es. Und irgendwie versucht man diese Sphäre so gut wie möglich zu schützen und so wenig wie möglich darüber zu sprechen. (Mindestens) eine Ausnahme bildet der Sex Shop. Und egal ob Banker oder Handwerker, Direktor oder Angestellter, Jugendlicher oder Großvater, hier wird darüber gesprochen. Dabei ist interessant mitanzusehen, wie einige gesellschaftliche Konstruktionen schnell in Vergessenheit geraten und man mit einer fremden Person innert Minuten, ja Sekunden, ein außergewöhnlich authentisches, menschlich-offenes Gesprächsniveau erreicht.

Mensch ist denn auch das Stichwort. Ob Beate Uhse, ORION oder Vibraa, gerade in wenig Produkt-differenzierten Märkten ist es oftmals der Mensch, der andere Menschen zu überzeugen vermag – oder wie mein Sekundarlehrer einmal meinte “Menschen interessieren Menschen”.

Entgegen der anfänglichen Vorstellung, fanden sich im Store neben einigen speziellen Menschen (“Ey isch hab dat gestern bei Euch gekauft, aber passt nicht! Nimmste zurück, ok?”) überraschend viele Leute “wie Du und ich”. Die überragende Mehrheit war offen, neugierig und erstaunlich extrovertiert – wohlwissend, dass die Leute, die überhaupt den Store betreten, eine bereits stark selektionierte Auswahl der “großen Masse” draußen ist. Zu erkennen gaben sich sowohl völlig Unerfahrene (“Einfach mal gucken”), Ehrlich-offene (“Nehmen Sie’s nicht persönlich, ich lass mich lieber von einer Frau beraten”), wie auch selbsternannte Experten (“Ich brauch da schon was stärkeres”). Das war alles in allem nicht nur super interessant, sondern hat mich als selbsternannten Grünschnabel vielleicht doch etwas weniger grün hinter den Ohren werden lassen.

Und damit zurück zum Anfang. Wer ist eigentlich Grünschnabel, wer Experte? Der Wissenschaftler im Elfenbeinturm? Der Manager in der Teppichetage? Die BWL-Studentin an der McDonald’s Kasse? Der Ingenieur beim Sozialpraktikum?

Wir alle mögen es, Experte zu sein als Experten zu gelten und geben uns allzu gerne einer Art Experten-Illusion hin (“Ich bin jetzt Master of Arts”, “Ich arbeite seit 8 Jahren als Projekt Manager”, “Ich bin Six Sigma zertifiziert”, “Ich kenne diesen Markt”). Wir hegen und pflegen eine fast kugelsichere Experten-Weste. Und sind umgeben von Ebensolchen, wenn auf n-tv wieder ein “Experte für Plastik”, “Expertin für Photovoltaik”, “Experte für Wirtschaft”, “Experte für…” redet. Ja sind wir denn alles Experten?

Wahre Experten sind nicht nur Sachverständige auf einem Gebiet. Vielmehr sind sie sich den Überschneidungen mit anderen Wissensgebieten, und damit einhergehenden Wissenslücken, bewusst. Und um diese Lücken zumindest teilweise zu schliessen, hilft das Aufsetzen eines Grünschnabel-Huts. Das ist unbequem, ich weiß. Die Erfahrung zeigt aber, dass es sich wahrlich lohnt über seinen eigenen geistigen Tellerrand hinauszublicken und “das Andere” nicht nur zu studieren, sondern auch zu probieren. Drum trau Dich, Grünschnabel!

2 Kommentare
  1. Jochen says: November 7, 201311:12

    “Mal kommt’s gut, mal weniger”, “gut und lehrreich”: Das erinnert mich an eine Spruch meiner Chefin in einem unserer Design-Thinking-Training zu den Studierenden nach dem Prototyp-Testing: “Na, habt Ihr gutes Feedback bekommen, oder habt Ihr lehrreiches Feedback bekommen”? Schlechtes Feedback gibt es nicht.
    That’s the spirit! Keep it up!

  2. Astrid says: November 8, 201315:07

    Hallo Ihr Grünschnäbel, das tönt ja wieder emol guet. Ihr sind schu 7ä Siechä. Machen witer so und hoffentli schaffen ihr dr Durchbruch. Bi doch mega stolz uf eu.

Mein Kommentar